Was ist Wicca?

Kommt zusammen, ihr, die ihr die Hexerei lernen wollt,
aber die ihr das tiefste Geheimnis noch nicht kennt.
Euch will ich die Dinge lehren, die ihr noch nicht wisst.

Aus der Offenbarung der Großen Göttin

 

Porträt von Gerald B. Gardner

Gerald Brosseau Gardner, „Vater“ der Hexenkunst

Wicca ist ein altes angelsächsisches Wort, verwandt mit dem modernen englischen Wort witch aber auch der alten plattdeutschen Bezeichnung Wicker oder Wickersche für dasselbe Phänomen – eine Hexe.

Als Gerald B. Gardner, ein pensionierter Beamter, in den späten dreißiger Jahren in England in einen Hexenzirkel eingeweiht wurde, nannten sich diese Personen nur Wica, und behaupteten, die Letzten einer langen Linie von Hexen zu sein. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Wort Wica/Wicca, eigentlich ähnlich wie witch, inzwischen aber wicka ausgesprochen, eine Bezeichnung für eine ganze Religion. Dennoch reden die Alten der Hexenkunst (oder nur Kunst, wie sie auch genannt wird) immer noch eher von den Wicca, also einer Gruppe von Leuten, als von dem Wicca.

Dieser kleine Unterschied ist nicht unwesentlich. Wicca ist kein durch eine Obrigkeit organisiertes System von Glaubensinhalten wie der Islam oder das Christentum. Es ist vielmehr ein lebendiger Weg der Erfahrung – daher das Wort Kunst, das bekanntlich von Können kommt. Dieser wird durch seine Praktiker geprägt und passt sich organisch den Anforderungen der jeweiligen Gruppe an. Traditionell sind diese Gruppen, Coven genannt, voneinander unabhängig.

Aber was machen die Wicca denn überhaupt? Nun, im Grunde machen sie alles, was Hexen nun mal machen. Zaubern, Geister und Kräfte beschwören, mit Kräutern heilen, das Wetter beeinflussen – kurz: mit den Kräften der Natur arbeiten. Dabei arbeiten sie in der Regel mit dem Fluss der Kräfte und unter einer einfachen, aber entscheidenden Prämisse: „Tu was du willst, solange es niemandem schadet.“

Als Hexen, die ein Gespür dafür entwickelt haben, das alles mit allem zusammenhängt, wissen sie natürlich, das Schaden manchmal nicht vermieden werden kann. Daher ist dieser Satz, die sogenannte Wiccan Rede auch nicht als Gebot zu verstehen, dessen Überschreitung klar definiert werden kann, sondern als weiser Rat (Rede) von ihren erfahreneren Vorgängern. Diese wussten genau, dass jede Handlung ihre Konsequenzen nach sich zieht. Und mit diesen sollte man besser leben können. In dieser Hinsicht ist Hexenkunst eine Anleitung zu einem harmonischeren Leben.

Aber Wicca, wie wir es heute praktizieren, ist auch eine Mysterienreligion. Ob sie das schon immer war, oder ob die Hexen erst im Laufe der letzten Jahrzehnte diese Form eines Mysterienweges angenommen haben, sei dahingestellt. Fred Lamond schreibt beispielsweise, dass Wicca erst mit der Aufnahme der kleinen Sabbate zum Kreis der Jahresfeste zu einer Form von Religion wurde und davor eher eine magische Kunst war.

Tatsache ist, dass die magischen Praktiken der Wicca heute eingebettet sind in ein ganzes System von Ideen, theologischen Anschauungen, religiösen Metaphern und rituellen Praktiken, das dem Praktiker ermöglichen soll, persönliche Reife und Weisheit zu entwickeln und tiefe Erkenntnisse über die Beschaffenheit der physischen wie auch der spirituellen Welt zu machen. Dabei ist den Hexen das Physische nicht weniger wert als das Spirituelle, ganz im Gegenteil; es wird als heiliger Ausdruck kosmischer Prinzipien gesehen. Da dieser Weg der inneren Erkenntnis nicht für jede Person ratsam ist, prüfen Wicca in der Regel über einen längeren Zeitraum, ob jemand für diesen Weg geeignet erscheint. Ein ungewöhnliches Prinzip in einer Zeit, wo andere Religionen bestrebt sind, möglichst viele Menschen zu bekehren.

Seit Gardner Wicca nach der Abschaffung des Verbots von Hexerei in Großbritannien in die Öffentlichkeit brachte, haben sich viele Strömungen entwickelt. Das ursprünglich angedachte Covenprinzip, in dem Hexen immer in einem Zirkel zusammenarbeiteten und die drei Grade der Einweihung durchliefen, wurde schnell von anderen aufgegriffen, ganz gleich ob sie nun bei Gardner gelernt hatten oder ihr Wissen aus den nun immer häufiger erscheinenden Publikationen zogen. Zum Teil wurde es auch stark abgewandelt, so dass es heute auch eine Menge an freien, allein arbeitenden Hexen gibt, die sich die Elemente herauspicken, die ihnen sinnvoll erscheinen. Natürlich sind sie niemandem Rechenschaft schuldig, aber andererseits können sie davon ausgehen, dass noch nicht jedes Geheimnis der ursprünglichen Tradition veröffentlicht wurde.

Silver Circle geht direkt auf Gerald B. Gardner zurück und hat sich zum Ziel gesetzt, die ursprünglich von Gardner mit seinen Hohepriesterinnen (besonders ist dabei Eleanor Bone als unsere „Linienmutter“ zu erwähnen) geschaffene Tradition so authentisch wie möglich weiterzuführen, aber gleichzeitig flexibel genug zu bleiben, um mit der heutigen Zeit und ihren veränderten Anforderungen und Bedürfnissen zu gehen. Das ist nicht immer einfach. Für viele Hexen ist das im Buch der Schatten, Gardners magischem Notizbuch, festgehaltene Wissen so verbindlich wie für Christen die Bibel – aber das erscheint uns ein wenig seltsam angesichts der Tatsache, dass Wicca keine Offenbarungsreligion ist.

Unser Ansatz ist grundsätzlich der, dass wir Wicca in seiner Essenz für einen natürlichen Weg halten, der seine Schönheit und Wirkung durch Schlichtheit und Einfachheit entfaltet. Wo andere Wicca-Traditionen ausgefeilte und durchaus wunderbare Mysterienspiele schaffen, die Theateraufführungen gleichen, arbeiten wir eher mit schlichter Volksmagie in einem aus Kastanien und Eicheln gelegten Kreis. Wo andere sich in glänzende Roben werfen, war unser Weg schon immer skyclad – nackt, im Himmelsgewand, wie die Götter uns geschaffen haben.

Wo wir schon von Göttern reden: Es mag ungewöhnlich sein, dass ich in einem Text über eine Religion erst jetzt von ihnen spreche; erst recht, wo Wicca oft als die Religion der Großen Göttin und ihres Gehörnten Gefährten bezeichnet wird. Leider suggeriert diese Bezeichnung in unserer durch die monotheistischen Religionen geprägten Zeit aber auch, dass wir Götter anzubeten haben, ihnen blind folgen und an sie glauben müssen (was in anderen Religionen meist die Einhaltung bestimmter Regeln beinhaltet).

Als Wicca erkennen wir selbstverständlich an, dass die göttlichen Kräfte größer sind als unser individuelles Selbst, und doch sehen wir uns als Teil von ihnen, untrennbar verbunden mit ihnen und letztendlich als gemeinsame Partner in der Schöpfung. So wie wir keine willenlosen Wesen sind, so verlangen die Götter keinen Gehorsam oder Opfer. Das ist ein sehr anderer Ansatz als der der „Großen Drei“ (Christentum, Judentum, Islam), in denen Gott außerhalb und über der Schöpfung und damit der materiellen Welt steht. Diese andere Sichtweise hat viele Konsequenzen darin, wie Hexen bestimmte Themen der menschlichen Existenz sehen, zum Beispiel Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität.

Aber Wicca schreibt uns nichts vor; es ist nur einfach häufig so, dass wir durch die gemeinsamen Erfahrungen zu einer gewissen Deckungsgleichheit von Erkenntnissen kommen. Aber auch dabei bleibt genug Platz für individuelle Erkenntnisse und Interpretationen. Der Wicca-Weg ist ein Weg der gemeinsamen Erfahrung, nicht des gleichen Gedankenguts. So bleibt uns auch selbst überlassen, wie wir die Göttin und den Gott, unsere polaren Gottheiten, sehen. Für manche von uns sind sie reale, individuelle Wesenheiten. Andere sehen sie als Metaphern für die großen Kräfte des Universums – Plus und Minus, Sonne und Mond, Yin und Yang. Eine Hexe kann ihre Sichtweise problemlos im Laufe ihres Lebens (oder eines Abends) ändern, je nachdem, welche Perspektive ihr gerade praktisch erscheint. Und letztendlich weiß sie, dass sie nichts weiß, denn all dies sind nur Versuche, etwas in Worte zu fassen, was unseren menschlichen Horizont weit übersteigt.

Janet Farrar, Autorin und seit den frühen Siebzigern prominente Hohepriesterin, antwortete einmal auf die Frage, was eine Hexe am Ehesten ausmache: „Ein Sinn für Wunder.“ Und damit ist das Mysteriöse gleich eingeschlossen.

Es gäbe noch eine Menge mehr über Wicca zu erzählen; über die Werkzeuge der Kunst, die Jahreskreisfeste und vieles mehr. Aber diese Dinge wachsen mit der Zeit, wenn man sich mit der Kunst beschäftigt. Als Einstieg soll uns dieser Text zunächst reichen. Der interessierte Sucher wird ganz sicher schon bald seine eigenen Erkundungen anstellen.

 

Mit dem Segen der Götter

Chris Frey

Blitzmond 2014

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