von Akasha und Eran

Anmerkung: Die Autoren betonen, dass der Artikel ihre Auffassung von Gardnerian Wicca wiedergibt, und sie nicht die Absicht haben, anderen vorzuschreiben, was sie zu denken haben. Da der Artikel 1996 geschrieben wurde, enthält er außerdem einige Aussagen, die inzwischen widerlegt wurden, oder solche, die dem Wicca der damaligen Zeit entsprachen. Dennoch halte ich seine Kernaussage für wichtig und zeitlos wahr. – Chris Frey

Die Gardnerische Tradition ist eine der ältesten der modernen „Konfessionen“ der Alten Religion, auch Wicca, Hexenkunst oder einfach die Kunst genannt (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film). Es ist ein System von Ritualen und theologischen Konzepten, die in direkter Linie von Person zu Person von Gerald B. Gardner weitergegeben wurden. Gardner war eine Erbhexe in mindestens drei verschiedenen Systemen in England*, und die Rituale, von denen man annimmt, dass er sie zusammentragen hat, waren sein bester Versuch, das Wissen und die Konzepte seiner vererbten Traditionen weiterzugeben, ohne die Eide zu kompromittieren, die er abgelegt hat. Auch wenn also unsere Rituale von ihm zusammengestellt sein mögen, wurden sie speziell erschaffen, um weit ältere Konzepte und Theologien zu vermitteln.

Was sind diese Konzepte und Theologien? In erster Linie nutzt die Gardnerische Tradition ihre Rituale, um ihre Anhänger für die Mysterien zu öffnen. Einfach gesagt, das Verständnis der Autoren dieser Mysterien besteht darin, dass alle Dinge miteinander verbunden sind, dass alle Dinge zusammen das Eine ausmachen, und dass das Eine göttlich ist. Wir sind Teil dieses Göttlichen, ebenso wie die Tiere, die Bäume, die Felsen, der Himmel, die Sterne, die Erde, das Universum selbst. Dies ist eine Wahrheit, die zwar mitgeteilt werden kann, aber erlebt werden muss, um wirklich verstanden zu werden. Sobald du um sie weißt, kennst du sie und kannst sie überall um dich herum sehen. Und wenn du die Mysterien nicht verstehst, können auch die Aussagen noch so vieler Leute dir dieses Verständnis nicht vermitteln.

Das Gardnerische System ist nur eines von vielen, vielen Systemen, die die Erfahrung der Mysterien vermitteln können. Da einer der wichtigsten Aspekte die Erfahrung ist, hält die Garderische Tradition ihre Rituale vor denen, die nicht in sie eingeweiht wurden, geheim. Auf diese Weise erhält jede Person die Möglichkeit, für sich selbst herauszufinden, was die rituelle Erfahrung bedeutet. Wir sagen den Menschen nicht, was sie erfahren werden, und wir sagen ihnen auch nicht danach, was diese Erfahrung bedeutet. Vielmehr erforschen wir gemeinsam die grundlegende „Sprache“ unserer gemeinsamen Rituale und was die Natur der Mysterien ist.

Die Mittel, mit denen diese wichtige Geheimhaltung aufrechterhalten wird, sind die Schwüre vor den Göttern. In diesem Eid verspricht der neue Eingeweihte, die Einzelheiten der Werkzeuge, Rituale, Namen usw., die typisch für die Gardnerische Tradition und ihre besondere Art die Mysterien auszudrücken sind, nicht preiszugeben. Die Konzepte, die in diesen Ritualen zum Ausdruck kommen, werden jedoch frei diskutiert – wir verwenden dazu nur einfach nicht spezifisch Gardnerische Beispiele!

Da die Mysterien solche allumfassenden Erkenntnisse sind, müssen wir sie herunterbrechen, um sie sinnvoll zu diskutieren. Die erste Unterteilung, die Gardner benutzt, ist die von Gott und Göttin. Einfach gesagt, die Göttin ist die Mutter, die das Leben bringt, und der Gott ist der Gehörnte Gott des Todes. Göttin ist Mond, Gott ist Sonne. Göttin ist Erde, Gott ist Himmel. Durch ihre Vereinigung entstehen alle Dinge, und ihre Vereinigung erschafft das Ganze, das das Göttliche ist. Daher ist die Idee der kreativen Vereinigung von zentraler Bedeutung für das Verständnis der Gardnerischen Tradition. Das ist Polarität, die Idee von Gegensätzen in schöpferischer und harmonischer Vereinigung. Es ist das gleiche Konzept, das durch das Yin-Yang-Symbol ausgedrückt wird. Zwei Hälften kommen zusammen, um etwas zu bilden, das größer ist als die Summe seiner Teile. Gardnerianer benutzen die archetypischen Bilder der männlichen und weiblichen Vereinigung, aber wir behaupten nicht, dass dies die einzige mögliche Vereinigung sei, noch, dass eine einzelne Person diese Verbindung eingehen muss um Gardnerianer zu sein. Alles was notwendig ist, ist dass du das Konzept verstehst und es als schön erachtest und in der Lage bist, in einem rituellen Kontext mit diesem Konzept arbeiten können. Mit anderen Worten, die sexuelle Präferenz hat nichts damit zu tun, ob man Gardnerianer sein kann oder nicht.

Wir betrachten unsere Beziehung zu Gott und zur Göttin als eine, die auf Gegenseitigkeit beruht. Wir brauchen sie und sie brauchen uns gleichermaßen. Wir sehen die Götter nicht „irgendwo da draußen“. Vielmehr ist das Göttliche in uns und wir sind im Göttlichen. Dies ist keine „Psychologisierung“ der Religion. Es ist eine nicht-dualistische Art, Alles was ist zu betrachten. Der Trick besteht darin, zu erkennen, dass die Götter sowohl getrennt von uns sind, als auch ein Teil von uns. Und darin, diese beiden Wahrheiten gleichzeitig halten zu können.

Was uns zu der Idee des Nicht-Dualismus bringt. Dieser ist eine Weltsicht, die erkennt, dass, obwohl Trennung notwendig ist, sie eine Illusion ist, die durch die Tatsache, dass wir in einem zeitlichen Feld arbeiten, notwendig geworden ist. Wir sind und sind nicht getrennt von allem anderen im Universum. Dies ist ein weiteres wichtiges Konzept in der Gardnerischen Tradition.

Die Gardnerische Tradition nutzt die Zyklen der Natur und die Symbologie der Natur, um die Mysterien auszudrücken. Wir ehren die Erde und respektieren alles Leben darauf. Wir verstehen, dass wir ein Teil des natürlichen Zyklus sind, und wissen, dass das, was wir nehmen, wir in gleichem Maße zurückgeben müssen. Wir verstehen, dass alles Leben durch den Tod von etwas anderem lebt, und so ehren wir das Opfer, das uns ermöglicht zu leben, und wir erkennen unsere eigene Opferschuld gegenüber den Göttern und der Welt an. Deshalb bemühen wir uns, den Tod nicht zu fürchten, sondern ihn als den natürlichen Teil des Zyklus zu akzeptieren, der er ist – im Wissen, dass wir, wenn wir an der Lebensfreude teilhaben, auch an der Trauer des Todes teilhaben müssen.

Die Idee der Reinkarnation wird von den Gardnerianern grundsätzlich akzeptiert, aber wie sie im Einzelnen gesehen wird, ist eine Sache, die dem Individuum überlassen bleibt. Das bedeutet, dass wir die Idee des Kreislaufs von Leben, Tod und Wiedergeburt anerkennen und mit ihr arbeiten. Wir wissen, wenn wir leben, müssen wir auch sterben, und wenn wir sterben, müssen wir auch wiedergeboren werden. Wir sehen dies klar in den Kreisläufen der Natur um uns herum, und da wir uns nicht von der Natur unterscheiden gilt das Gleiche auch für uns.

Wir feiern acht jährliche Sabbate, sowohl um uns an den Zyklen der Natur zu erfreuen als auch um an ihnen teilzuhaben. Wir fühlen unsere Einheit mit Allem sehr stark und so bewegen unsere Anstrengungen die Jahreszeiten, genau so wie die Axe der Erde. Wir und die Erde sind eins, daher tut die Erde alles was wir tun und umgekehrt. Wir versammeln uns außerdem zu Ritualen zu den Vollmonden und zu anderen Zeiten, wenn es nötig oder von den Covenmitgliedern gewünscht ist.

Wir akzeptieren und verstehen das Wirken von Magie. Wir definieren diese als die Nutzung unserer Verbundenheit mit dem All. Wenn wir alle eins sind, ist das Beeinflussen des Wetters allemal so einfach wie das Heben unserer Hand. Es ist die Verbindung zu unserer Hand, die uns die Fähigkeit gibt, sie zu heben. Ebenso ist es das Erkennen dieser Verbindung, das es uns ermöglicht, Magie zu wirken. Natürlich gibt es Grenzen, Naturgesetze, die Art wie das Universum funktioniert. Den Naturgesetzen können wir uns nicht entgegenstellen. Wir wackeln nicht mit der Nase und ein Lolli erscheint! Aber wir können Wettermuster so verschieben, dass es hier eher regnet als dort, weil Wetterfronten sich bewegen und Regen fällt. Wir können beeinflussen, wie schnell der Aufzug beim Minicon auf unserem Stockwerk ankommt, weil auf Stockwerken in einem Hotel anzukommen das ist, was Aufzüge tun sollten. Wir können den Aufzug beim Minicon nicht vor unserer Haustür ankommen lassen.

Wir akzeptieren das Gesetz der dreifachen Rückkehr und folgen der Wiccan Rede. Das Dreifach-Gesetz besagt, dass alles, was du tust – gut oder schlecht – alles um dich herum beeinflusst und letztendlich zu dir zurückkehren wird, vergrößert durch all die anderen Interaktionen um dich herum. Wenn du also unmoralisch handelst, rechne damit, dass ethische Probleme dich plagen werden. Wenn du dich bemühst denen zu helfen, die in Not sind, sei nicht überrascht, wenn Hilfe zu dir kommt wenn du sie brauchst.

Die Wiccan Rede besagt: „Tu was du willst, solange es niemandem schadet.“ Dies ist keine einfache Aussage nach dem Motto „tu was immer du willst, solange du niemandem weh tust.“ Vielmehr ist es ein tiefes Verständnis der Funktion unseres eigenen Willen und der Verantwortung, die damit einhergeht, eine Hexe zu sein. Es besagt zunächst einmal, dass du deinen wahren Willen kennen musst, was etwas ganz anderes ist als das, was du dir wünscht oder was du begehrst. Zweitens legt es dir die Verantwortung auf, die Folgen zu erwägen, die das Wirken des Willens mit sich bringt. Drittens sagt es dir, dass du durch die Arbeit deines Willens keinen Schaden anrichten darfst. Abschließend ist es ein Befehl zu handeln. Erinnere dich, die Rede sagt nicht, „du kannst tun, was du willst.“ Sie besagt, tue was du willst. Dies ist ein Aufruf zum Handeln: zu ethischem, verantwortlichem Handeln, das die Bereitschaft beinhaltet, die Konsequenzen zu tragen – was auch immer sie auch sein mögen. Sie ist eine Aussage über die Gewissheit, dass alles getan wurde um sicherzustellen, dass es nicht schadet deinen Willen zu wirken, aber auch eine Erklärung, die Verantwortung für deinen Willen zu akzeptieren, ungeachtet der Konsequenzen.

In der Gardnerischen Tradition wird jeder Zirkel von einem Hohenpriester (HP) und einer Hohepriesterin (HPin) geführt, die zusammen arbeiten. Die Leute, die den HP und die HPin eines Covens trainiert haben werden als Königin und Magus dieses Covens bezeichnet.** Jeder Zirkel ist autonom, was bedeutet, dass es keine zentrale Autorität gibt und jeder HP und jede HPin entscheidet, wie er oder sie das Training neuer Eingeweihter handhaben und die Rituale, innerhalb eines bestimmten Rahmens, durchführen will. Die Königin und der Magus eines Covens sind dafür verantwortlich, darauf zu achten, dass sich der Coven nicht zu weit von den Grenzen der Tradition entfernt, aber sie haben keine wirkliche Autorität über den Coven. Jedem HP oder jeder HPin steht es frei, den Rat und die Bedenken ihrer Königin und ihres Magus zu ignorieren – obwohl dies sicherlich nicht leichtfertig getan werden sollte. Unter den besten Bedingungen werden die Königin und der Magus eines Covens als respektierte und geliebte Älteste behandelt, und die ganze Atmosphäre der Tradition ist die einer gesunden erweiterten Familie. Dies ist natürlich ein Ideal und leider nicht immer die Realität. Gardnerianer sind schließlich Menschen, mit menschlichen Fehler und blinden Flecken.

Die Gardnerische Tradition verwendet ein Drei-Grad-System. Aspiranten müssen mindestens ein Jahr und einen Tag mit dem Coven in nicht-eidgebundenen Ritualen arbeiten***, und Covenmitglieder arbeiten mindestens ein Jahr und einen Tag in jedem Grad. Während der Vorbereitungszeit ist man „in der Gebärmutter“, wächst und bereitet sich auf den Eintritt in ein neues Leben vor. Der Erste Grad kann mit einer Geburt verglichen werden. Das neue Mitglied weiß wenig über die Welt, in die es gerade hineingeboren wurde, und verbringt ein Jahr damit, diese „Welt“ und ihre Sprache zu verstehen. Der Zweite Grad ist wie die Pubertät. Es wird erwartet, dass das Covenmitglied lernt, innerhalb der Gardnerischen Welt erwachsen zu werden, die Rituale durchzuführen und die Mysterien zu lehren. Im Dritten Grad ist man ein voll ermächtigter Erwachsener. Jeder Drittgrad kann jederzeit ausschwärmen, um seinen eigenen Zirkel zu starten. Dieses „Ausschwärmen“ ist so, als ob man von zu Hause weggeht, heiratet und „eigene Kinder“ bekommt. Es ist eine große Verantwortung, aber gleichzeitig aufregend und belebend.***

Dies sind die Grundlagen des Gardnerischen Systems und Weltbildes. Es ist nicht der richtige Weg für jedermann, denn seine Symbole und besonderen Ausdrucksformen der Mysterien werden nicht mit jedem resonieren. Aber da es nur eine von vielen verschiedenen und schönen Ausdrucksformen der Alten Religion ist, muss niemand das Gefühl haben, dass er Gardnerianer sein muss, um eine Hexe zu sein. Jede Person muss die Symbole und den Weg finden, die am deutlichsten zu ihr sprechen. Die Gardnerische Tradition ist einfach eine dieser vielen, vielfältigen und bedeutungsvollen spirituellen Reisen. Wir hoffen, dass jeder den Weg findet, der richtig für ihn ist.

Seid Gesegnet!

 

Richtigstellungen und Ergänzungen:

* Gardner wurde in den New Forest Coven initiiert und ist keine Erbhexe.

** Diese Titel/Rollen existieren in einigen Gruppen, sind aber nicht die Norm.

*** Nicht jeder Coven feiert überhaupt Rituale mit Uninitiierten. Die traditionellere Variante ist es, damit bis nach der Initiation zu warten.

**** Dieses Verständnis der drei Grade ist eher in den USA verbreitet. In Europa ist man in vielen Linien mit dem zweiten Grad dazu berechtigt, seine eigene Gruppe zu gründen. Dementsprechend ist der zweite Grad auch nicht mit der Pubertät vergleichbar, sondern schließt in vielerlei Hinsicht das mit ein, was in den USA den Dritte Grad ausmacht. Der dritte Grad ist demnach ein zusätzlicher, mystischer Schritt, der aber nicht als zwingend notwendig betrachtet wird.