Feuer

„Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche.“ – Gustav Mahler

von Anufa Ellhorn

Gerade im Bereich des Hexentums, das vielfach auch unter „das Wicca“ läuft, gibt es des öfteren Diskussionen um „Tradition“. In meiner spirituellen Jugend, also vor rund dreißig Jahren, kam es hauptsächlich darauf an, „echt“ zu sein.

Was mensch damals unter „echt“ verstand

In den 80ern war es echt, wenn mensch von jemandem initiiert war, der einem (glaubwürdig, wenn mensch Glück hatte) versicherte, dass er auch initiiert worden wäre. Gerade in Österreich war das aber ein bisschen schwierig, weil es noch kaum öffentliche Kontakte auf diesem Gebiet gab und es so gut wie unmöglich war, den Wahrheitsgehalt dessen, was einem so erzählt wurde, zu überprüfen.
Deshalb bestanden die Tradition im Hexentum leider meistens darin, Buchwissen, on the go, in die jeweilige Praxis einzubauen und als traditionell zu verkauft (weil es ja eingeweihte Leute waren, die diese Bücher geschrieben hatten und so genau wollte mensch das auch nicht nehmen, eigentlich).

Ende der 80er tauchten dann, unter der Theke einiger Esogeschäfte, BoS (Books of Shadow, mehr oder minder coveninterne Hexenpraxisbücher) auf, die dann ganz geheim angeboten wurden – den zahlenden Stammkunden.

In den 90ern gab es dann, durch das Netz, endlich die Möglichkeit die Realität mit der Legende abzugleichen … und etliche Dinge ließen sich gerade rücken. Natürlich wurden dabei viele Wunden geschlagen (bei denen, die mehr oder minder hinters Licht geführt worden waren) aber das ist leider bei Ent-täuschungen – eher ein Qualitätsmerkmal, weil es nur weh tut, wenn einem das Thema wirklich wirklich war/ist!

Wozu ist das dann gut?

Eine Frage, mit der sich schon viele beschäftigt haben, mein Blickwinkel auf Traditionen ist folgender. Tradition hat – genauso wie alles – Vor- und Nachteile.

Generell betrachtet bietet Tradition den Vorteil, dass einem schon „viele vorausgegangen sind“. Damit ist anzunehmen oder zu hoffen, dass die Praktiken funktional sind, das Weltbild bereits abgeklopft, Erfahrungen kolportiert wurden und werden, eine gewisse Gemeinschaft vorhanden ist, es bei Nachfragen Ansprechpartner gibt, … Einfach gesagt, ein funktionierendes Gesamtkonzept bereits erstellt wurde, in das mensch nur mehr einsteigen muss.

Eine Hürde am Anfang, gerade bei einer Mysterientradition, und damit ein offensichtlicher Nachteil ist, dass mensch, gerade in spirituellen Belangen, als Außenseiter, nur bedingt sicher sein kann, was in der Dose drinnen ist. Was drauf steht, ist manchmal besser, manchmal schlechter lesbar aber das heißt noch lange nicht, dass auch genau das drinnen sein muss.
Deshalb wäre es mir als Neuankömmling besonders wichtig, mit den Leuten zu sprechen und zwar ausführlich. Fragen , fragen, fragen – wie genau heißt die Tradition; wo kommt sie her; wer ist die „Mutter“ (des Covens), die „Großmutter“ etc. Gerade im traditionellen Craftbereich sollte es kein Problem darstellen, darauf Antworten zu erhalten. Dabei kann auch das Netz eine große Hilfe sein, Suchmaschinen anwerfen und all das nochmal durchlaufen lassen. Menschen fragen, die derselben Tradition angehören und mit diesen die Informationen abgleichen.

Sobald sichergestellt ist, ob es sich um eine tradierte Praxis handelt (wobei Handgestricktes durchaus Sinn machen kann, aber das ist ein anderes Thema!), bleiben noch ein paar Punkte über, die für manchen als Nachteil gesehen werden könnten.

Der Vorteil als Nachteil und der Nachteil als Vorteil

Da ich mich in einem überlieferten System befinde oder dieses erlernen möchte, bin ich natürlich (auf jeden Fall einmal am Anfang) an dieses gebunden. Das kann mensch durchaus als Nachteil empfinden, ich sehe das allerdings als großen Vorteil an. Ich erlerne durch ein neues System – eine neue Weltsicht, erarbeite mir ein Lebensmuster (wenn es gut geht). Allerdings stammt meine Einschätzung sicher daher, dass ich selber nach dem Motto lebe, dass „ein bissl schwanger“ vielleicht irgend etwas tut, eventuell auch irgendwas dabei rauskommt – das aber ganz sicher kein Kind wird.
Der Unterschied zwischen einem spirituellen Leben und einem unspirituellen liegt in meinen Augen darin, dass sich so gut wie alles verändert. Die Weltsicht wird eine andere, der eigene Zugang zum Leben und damit auch das was mensch wie tut, was wieder am täglichen Leben (vielfach nur in Kleinigkeiten und/oder von denjenigen, die schon wissen, woran sie das merken!!) erkennbar ist.

Der Vorteil einer Tradition, eines Systems ist dass ich mir das alles nicht von A an selber erarbeiten muss, sondern durch das System schon einen roten Faden vorgegeben habe, an dem ich mich entlang handeln kann. Klar, dass mich das dann auch einschränkt, weil ich eben nicht zu jeder Zeit jedem Impuls einfach so nachgeben kann – was ja auch Kennzeichen einer Tradition ist. Genau diesem Faktum wird in der Struktur der Craft, wie ich sie kenne, auch durch die unterschiedlichen „Stufen“ die „Grade“ entsprochen. Aber das ginge jetzt zur sehr ins Detail … Trotzdem zeigt das, dass scheinbar in diesem System eben diesen Entwicklungen bereits Aufmerksamkeit geschenkt und daraus Konsequenzen gezogen wurden.

Gerade im Hexentum geht es oft um Gemeinschaft – die hat ebenfalls so ihre Fußangeln. Traditionell für die Craft ist es in Coven zu arbeiten. Schön, weil damit immer eine kompetente Anlaufstelle erreichbar ist, unschön, weil das alte Sprichwort von „mitgefangen – mitgehangen“ genauso gilt. Sofern ich der Tradition X angehöre, werde ich auch mit anderen Mitgliedern der Tradition X in Verbindung gebracht werden, im Positiven wie im Negativen. Der übliche Effekt von Gemeinschaft, durchaus nicht beschränkt auf das Hexentum …

Es globalisiert, und wie das globalisiert…

Kurz nach der Jahrtausendwende war das Netz soweit verbreitet, dass sich durch den möglich gewordenen persönlichen Kontakt auch engere Verbindungen ergaben und sich nicht nur althergebrachte Annahmen verifizieren oder falsifizieren ließen, sondern auch die Möglichkeit bestand, sich etwas besser kennen zu lernen. Dadurch zeigte sich auch oftmals, dass „die Tradition“ gar nicht so übergreifend traditionell angelegt war, wie mensch vielleicht selber gedacht hatte. Rituale, die mensch als „allgemeingültig“ eingeordnet hatte, waren auf einmal eine „Linienbesonderheit“ oder gar eine „Coventypische Vorgangsweise“. Eine Sache, die für den einen oder anderen schwer zu verdauen war …
Was war dann Tradition noch wert, wenn eh alles anders war, an jedem Eck und Ende?
Auf der anderen Seite gab es nun auch schon die „Tradition“ derer, die explizit keiner Tradition angehören wollten. Solitary oder Solohexen hatten sich zusammengefunden und dadurch entstanden naturgemäß wieder neue Traditionen (allein weil es meistens eher weniger praktikabel ist, bei jedem Treffen einen neuen Ritualablauf zu etablieren …). Je größer die Gruppen wurden, desto eher bildeten sich Muster heraus.
Die nächste Station war dann Ende der 2010er Jahre, das Zerfallen vieler dieser Gruppen – meistens weil es langweilig geworden war (wie in schlechten Beziehungen), sich die Leithammel in die Haare kriegten (wie bei Firmengründungen oft zu finden) oder schlichtweg, weil geheiratet und die Energien auf Kinder oder auf die Karriere umgeleitet wurden (wie bei vielen anderen Hobbies auch) und weil sich herausgestellt hatte, dass Magie und Co doch den Aufwand nicht wert waren. Auch „wirklich“ tradtionelle Richtungen haben davon ihren Schlag abgekommen, was an den Mitgliederzahlen der unterschiedlichsten Gruppen nicht wegzudiskutieren war.

…und was jetzt?

Die Frage die ich jetzt aufwerfen will ist: Was kann und soll Tradition denn heute noch bringen? Und: für wen hat es Sinn danach zu suchen?

Wie immer kann ich natürlich vornehmlich auf meine eigenen Erfahrungen in Bezug auf „Tradition“ zurückgreifen, die ich allerdings nicht nur aus dem Bereich des Hexentums ziehe sondern sowohl aus meinem Berufsumfeld als auch aus meinen Familien- und Weiterbildungsaktivitäten.

Für mich birgt Tradition den riesengroßen Vorteil, dass sie einen bewährten und relativ einfach begehbaren, quasi beschilderten, Weg an ein vorherbestimmtest Ziel bietet. Sollte ich also genau dorthin auch wirklich wollen, dann ist sie für mich tatsächlich der sinnvollste Weg auch dahin zu kommen.
Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich gerne lebensnahe Vergleiche finde. In diesem Fall vergleiche ich Tradition mittlerweile sehr gerne mit einem Navi fürs Auto.

Wenn ich noch nie in Rom war, aber gerne die Offizien besichtigen würde, dann werde ich mit Hilfe des Navi recht rasch merken, dass ich zwar mit „Italien“ ziemlich gut liege, ich aber nach Florenz fahren muss und nicht nach Rom. Das stellt mich dann vor die Tatsache, dass meine Vorstellung mit der Realität nicht wirklich deckungsgleich gewesen ist und ich muss den weiteren Plan, den ich im Hinterkopf hatte (das Colosseum mitzunehmen und in einer Seitengasse vom Markusplatz eine Maske einzukaufen) ebenfalls abklopfen und anpassen.
Das Navi sagt mir dabei, wie ich am besten vorgehe und ob das im Rahmen meines Budgets und meiner Zeit überhaupt möglich wäre. Je nachdem wie gut mein Navi programmiert ist, werde ich damit besser oder schlechter beraten sein. Ein gut programmiertes Navi wird Zwischenziele zulassen und damit werde ich feststellen, dass die Planung bzgl. der Abfolge umgestellt werden sollte um Sprit und Zeit zu sparen. Ich werde sogar bis ins Detail Anweisungen erhalten können, wo ich Raststationen, Übernachtungsmöglichkeiten und Parkplätze auf dem Weg und an meinen Zielen finden kann. Und natürlich wird es mich auch wieder sicher von Rom heimbringen. Ich werde von keinen Mautstellen überrascht werden, von keinen Baustellen etc. und ich werde sogar einen ungefähren Zeitplan vorfinden, wann ich damit rechnen kann, anzukommen.
Das wäre für mich eine gut eingenordete Tradition.

Natürlich, wenn ich mir vor Augen halte, dass ich es hier mit einem „Navi“ mit recht konkreter Programmierung zu tun habe, birgt das Potential für Schwierigkeiten. Ich kann hierbei nicht einfach doch lieber nach Norwegen fahren oder nach Australien und natürlich haben auch gut funktionierende Navis in verbindungslosen Bereichen keine Chance, manche unter Umständen eine ziemlich komplizierte Bedienung, benötigen Strom etc. Und wie jeder Vergleich hinkt auch dieser irgendwo – nämlich genau da, wo in Traditionen noch der „menschliche Faktor“ eine große Rolle spielt. Dem Navi ist egal, wer es „bedient“ solange die richtigen Knöpfe gedrückt werden.
Gerade dieser menschliche Faktor ist es aber, der viele dazu bringt, sich überhaupt einer Tradition anschließen zu wollen … um wo dazu zu gehören!

Was ich noch explizit erwähnen möchte ist, dass ich den Weg trotz Navi selber auf mich nehmen muss! Es wird mich das Navi weder hinfliegen noch hintragen und schon gar nicht beamen … gehen/fahren muss ich nach wie vor selber! Das kostet Energie, Zeit, Kraft, Willen, bringt Entbehrung mit sich und erfordert auch Vorkenntnisse (wenn ich mich nicht fortbewegen kann, dann nutzt mir auch das Navi nicht viel!) und Geld (das ich, ohne Navi, zwar auch für andere Sachen verwenden müsste – weil gratis nach Italien beamen gibt’s halt nicht!! – aber trotzdem sei es erwähnt). Wichtig ist mir, beim Geldthema, anzumerken, dass es in meiner Tradition keinen Unterricht gegen Barschaft gibt sondern Auslagen gedeckt werden müssen (von Nahrung über Getränke bis zu Ritualbedarf) – um das Navibeispiel so abzuschließen.

Damit wären wir bei der Frage nach dem „Typ“ Mensch, für den Traditionen Sinn machen können. Diese Frage sollte sich anhand meines Beispiels mittlerweile jeder selber beantworten können.

Der Artikel erschien zuvor bereits bei Wurzelwerk.