Gardnerische Hexen suchen eine tiefe Verbindung zur Natur

Von Chris Frey

Das Gardnerische Wicca ist die Tradition, auf die das gesamte moderne Wicca zurückgeht. Nach eigener Aussage wurde Gerald Brosseau Gardner jedoch 1939 in die bereits bestehende Hexentradition des New Forest Coven eingeweiht. Damals nannten sich diese Leute nur Wica, womit nichts anderes als Hexen gemeint waren.

Heute wird gemeinhin angenommen, dass Gardner das Wesentliche an Wicca selbst erfunden hat, aber das deckt sich nicht mit der Wahrnehmung vieler Eingeweihter. Der Kern von Wicca ist nicht das eher kosmetische rituelle Gerüst, das Gardner von Crowley und der Freimaurerei entlehnt hat, sondern die magisch-schamanischen Ekstasepraktiken der Covenmitglieder – sprich: das, was schon immer unter Hexerei verstanden wurde.

Dass Hexerei der Kern der Praxis einer Gruppe von Leuten ist, die sich selbst Hexen, nennen, sollte eigentlich einleuchten. Gardner selbst hat seine wiederentdeckte Mysterienreligion zumeist einfach witchcraft, also Hexenkunst, genannt und keinen Zusatz für nötig befunden, und das sollte uns zu Denken geben.

Heute leben wir in einer Welt, in der Etiketten und Abgrenzungen beliebt und angesichts der vielen Varianten der modernen Hexerei – manche authentisch, andere weniger – sogar sinnvoll sind. Und so komme auch ich oft nicht umher, meine Tradition als „Gardnerisch“ einzuordnen – auch wenn ich denke, dass Etiketten oft mehr Schlechtes als Gutes bewirken und von dem ablenken, um das es eigentlich geht. Wenn aber eine Bezeichnung anderen hilft, das für sie Passende zu finden, dann sei’s drum.

Der folgende Text stammt ursprünglich von Anufa Ellhorn und wurde von mir entsprechend meiner eigenen Wicca-Praxis und -Erfahrung bearbeitet. Das Original ist hier zu finden.

Formale Kennzeichen des Gardnerischen Wicca

  • Alle Gardnerianer stammen durch initiatorische Abfolge von Gerald B. Gardner ab – daher der Name.
  • Sie arbeiten in kleinen Gruppen von drei bis maximal dreizehn Personen, die Covens genannt werden.
  • Covens sind hierarchisch strukturiert. Es handelt sich jedoch um eine natürliche Hierarchie, die auf Erfahrung und Befähigung beruht. Als Menschen und Kinder der Götter sind wir gleichwertig.
  • Gardnerisches Wicca kennt drei Grade der Einweihung. Die Initiation zur Priesterin (oder zum Priester) und Hexe, die Elevation zur Hohepriesterin oder zum Hohepriester und den dritten Grad, der bei uns eher mystischer Natur ist.
  • Covens werden von einem Hohepriesterpaar oder auch einer einzelnen Hohepriesterin oder einem Hohepriester geleitet (2. oder 3. Grad) und sollten sich im Idealfall aus einer ausgewogene Anzahl an Frauen und Männern zusammensetzen.
  • Covens sind voneinander und untereinander vollkommen unabhängig und eigenständig. Es gibt keine zentrale Autorität in Wicca.
  • Am Beginn des Weges steht oft ein Ritual der Selbstweihe.
  • Die Aufnahme in den Coven erfordert ein Ritual der Initiation, welche dem Initianden einen Eid abverlangt, der unter anderem ein Geheimhaltungsversprechen beinhaltet.
  • Einer Selbstweihe, Initiation oder Elevation geht eine Zeit des Lernens voraus, die nicht unter einem Jahr und einem Tag liegen sollte und in den meisten Fällen sogar viel länger ist.
  • Eine Einweihung und Ausbildung in Gardnerischem Wicca kostet traditionell kein Geld.
  • Gardnerianer nehmen wie alle traditionellen Wicca keine blind folgenden Anhänger auf, sondern autarke selbstbestimmte Menschen, die eigenständig denken und Dinge hinterfragen.
  • Sie suchen nicht aktiv nach Mitgliedern. Man sagt, der Eintritt bei uns sei im Gegensatz zu anderen Religionen und spirituellen Wegen schwer, der Ausstieg dagegen leicht.
  • Gardnerisches Wicca ist undogmatisch und lehrt keinen Glauben, sondern vermittelt Erfahrungen, die den einzelnen Teilnehmer zu eigenen Erkenntnissen bringen
  • Gott und Göttin als polare Formen des All-Einen sind zentrale Bestandteile der meisten Rituale.
  • Rituale werden in der Regel in einem magischen Kreis und innerhalb eines bestimmten, mehr oder minder gleichbleibenden rituellen Rahmens abgehalten. Der Hauptteil kann dabei je nach Anlass sehr unterschiedlich ausfallen.
  • Besonderes Augenmerk wird auf die acht Jahreskreisfeste (Sabbate) gelegt (Tag-und-Nachtgleichen, Sonnenwenden, Imbolc, Beltane, Lammas und Samhain), an denen eher gefeiert als magisch gearbeitet wird.
  • Es gibt außerdem sogenannte Esbate (Arbeitstreffen), die meist an den Vollmonden abgehalten werden.

Spirituelle Kennzeichen des Gardnerischen Wicca

  • Mysterien, die nur persönlich erfahren und somit auch nicht verbal oder schriftlich weitergegeben werden können.
  • Ein bewusstes, auf einen spirituellen Entwicklungsweg ausgerichtetes Leben.
  • Eigenverantwortlichkeit in Denken und Handeln. Das Wissen um das eigene Eingebundensein ins Netz des Wyrd und die daraus entstehenden Konsequenzen.
  • Arbeit an sich selbst und an der Persönlichkeit, um das eigene Potential bestmöglich auszuschöpfen und die persönliche Entwicklung zu unterstützen.
  • Ein persönlicher Zugang zum Göttlichen.
  • Arbeiten mit Erd- und Elementarkräften und den Zyklen der Natur.
  • Eine starke spirituelle Verbindung zur eigenen Lokalität.
  • Magie als Weg der aktiven Lebensgestaltung.
  • Gemeinsames Wachsen und gegenseitige Unterstützung im Coven, für individuelle wie auch gemeinschaftliche Ziele.

Woher weiß ich, dass Gardnerisches Wicca mein Weg sein könnte?

Bevor du konkrete Schritte zum Eintritt in einen Gardnerischen Coven unternimmst, wäre es ratsam dir die folgenden Fragen zu stellen:

  • Habe ich mich schon so weit mit Literatur befasst, dass ich genau benennen kann, was Gardnerisches Wicca eigentlich ist (in Abgrenzung zu anderen heidnischen und Hexentraditionen)?
  • Bin ich selbst und ist meine Lebenssituation (persönlich, emotional, materiell und familiär) stabil genug, um neue Herausforderungen, die mein bisheriges Weltbild und Leben in Aufruhr bringen können, meistern zu können?
  • Erlauben es meine familiäre und berufliche Situation, mein Gesundheitszustand und meine privaten Interessen oder Verpflichtungen, einen großen Teil meiner freien Zeit dieser neuen Beschäftigung zu widmen?
  • Kann ich mir vorstellen, mich für eine längere Zeitspanne wieder in die Situation eines Schülers zurück zu versetzen (z.B. gestellte Aufgaben zu erfüllen, Anweisungen entgegen zu nehmen, Regeln zu akzeptieren) und dabei gleichzeitig selbstbewusst meinen Weg zu gehen?
  • Ist es mir möglich eigenständig zu sein und trotzdem eine enge Verbindung zu anderen Menschen einzugehen?
  • Bin ich bereit mich sowohl auf das angeleitete Erlernen eines Handwerks als auch auf das eigenständige Erleben einer Mysterientradition einzulassen?
  • Möchte ich innerhalb eines System lernen, das mit geschlechtlichen Gottesvorstellungen, Archetypen und Energien arbeitet und in dem Sexualität, Sinnlichkeit und der Körper als heilig gelten?
  • Bin ich bereit wirklich zu wachsen, einen Schritt ins Unbekannte zu wagen und dafür auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, z.B. mich meinen eigenen Schattenseiten und Ängsten zu stellen.

Wenn du all diese Fragen mit „ja“ beantworten kannst, könnte Gardnerisches Wicca etwas für dich sein.