Buchrezension: Traditional Wicca

von Chris Frey

Wer schon mal auf YouTube Wicca in die Suche eingegeben hat, weiß, dass es keine Möglichkeit gibt, den Horden von jungen Frauen zu entkommen, die mit viel Enthusiasmus und Attitüde aber wenig wirklichem Wissen über ihren Hexenweg erzählen. Es muss bei einem dieser YouTube-Streifzüge gewesen sein, dass ich auf den Kanal von Thorn Mooney stieß – und ich muss zugeben, dass ich sie zunächst für eine dieser Teenwitches hielt. Ich habe mehrere ihrer Videos gebraucht habe, um zu erkennen, dass sie anders war – dass ihr Wissen fundierter schien und sie tatsächlich eine Gardnerisch initiierte Hexe war, die nur zufällig so aussieht wie Emma Roberts in American Horror Story.

Und nun gibt es tatsächlich ein Buch von Mooney, zudem eines, dass dem Sucher Traditionelles Wicca erklären will und schon vor Erscheinen eine dementsprechend hohe Erwartungshaltung in der Wicca-Szene produziert hat. Kein leichtes Unterfangen, ein Buch zu schreiben, dass sich vornimmt, das Image von traditionellem Wicca in der US-Hexenszene zu rehabilitieren und den Instagram-Hexen und POTUS-Verfluchern etwas Substantielles entgegen zu stellen. Ein Unterfangen, bei dem man leicht scheitern kann.

Um es vorweg zu nehmen: sie tut es nicht. Traditional Wicca ist tatsächlich der neue Klassiker über Traditionelles Wicca geworden und sollte von jedem ernsthaften Sucher gelesen werden.

Dennoch fiel es mir schwer eine Rezension zu schreiben. Zwar musste ich bei der Lektüre ständig wissend nicken oder gar laut auflachen, aber dennoch erschien mir nichts übermäßig sensationell oder erwähnenswert. Aber das ist vielleicht der Punkt: als Eingeweihter, der mit den Strukturen und Gepflogenheiten von Wicca vertraut ist, ist mir Alles, worüber Mooney schreibt, altbekannt. In gewisser Weise ist das Meiste davon einfach gesunder Menschenverstand. Aber genau den legen Menschen so gern ab, wenn sie sich in den Bereich der Spiritualität und Religion vorwagen.

Auch mir waren in meine Anfangszeit als Suchender, der gerade seine ersten Kontakte mit echten Wicca hatte, viele der Gepflogenheiten und Eigenheiten der Wicca-Szene unvertraut – erst recht da ich bis dahin nur die öffentliche Pop-Version des Hexenkultes kannte, die mehr mit der New-Age-Bewegung als mit der von Gerald Gardner überlieferten Hexentradition gemein hat. Das ist das Problem – die extreme Schere, weniger in Inhalten als in Werten und Einstellung, zwischen den initiatorischen Traditionen und dem öffentlich verfügbaren Hexentum.

Und das macht dieses Buch so wertvoll für heutige Sucher. Alles, was Mooney verrät, könnte man mit viel Zeit und Trial-and-Error-Verfahren auch selbst herausfinden. Aber es ist ungeheuer hilfreich, all diese Tipps und Insider-Ratschläge versammelt zwischen zwei Buchdeckeln zu finden, zusammengetragen und erklärt von einer versierten Priesterin der initiatorischen Tradition, die zudem jung genug ist, um das Alles in eine zeitgemäße Sprache zu kleiden.

Das einzige, was ich ein wenig vermisst habe, ist die Magie und Mystik, die Wicca ausmacht. Das Buch erklärt, wie die Wicca-Szene funktioniert, wie man am Besten Kontakt aufnimmt und – bis zu einem gewissen Grad – auch, was es mit den philosophischen Inhalten und Ritualen auf sich hat.  Das ist ungemein sachlich, manchmal gar profan, und das ist gleichzeitig die größte Stärke und Schwäche des Buches. Man erhält viele Tipps, wie man Zugang zu dieser Geheimgesellschaft bekommt, aber diese Vorgehensweise lässt Wicca auch sehr wie einen x-beliebigen Verein oder eine Art Nerd-Hobby erscheinen.  Ich vermute Mooney hat den Aspekt der Mysterien und der Magie bewusst ausgespart, um dem Sucher die Überraschung nicht zu verderben. Dennoch wäre es sicher möglich gewesen, zumindest etwas von der Magie der Tradition anzudeuten.

Für das, was das Buch bezwecken soll, nämlich Neulingen alles an die Hand zu geben, um auf ihren ersten Schritten auf dem Wicca-Weg nicht Dutzende von Faux pas zu begehen, ist es hervorragend und uneingeschränkt zu empfehlen.

4 von 5 Punkten

Traditional Wicca

Thorn Mooney

Taschenbuch: 188 Seiten
Verlag: Llewellyn Publications,U.S. (3. August 2018)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0738753599
ISBN-13: 978-0738753591

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