Von Chris Frey

9780738703015Eigentlich kann ich nicht glauben, dass ich dieses schon etwas ältere Buch erst jetzt gelesen habe. Es war eines der ersten englischsprachigen Wicca-Bücher, die ich in einem Londoner Buchladen gesehen habe und ich erinnere mich, dass eine gute Freundin es schon vor über zehn Jahren in ihrem Buchregal stehen hatte. Vielleicht war es das sehr düstere Cover, dass mich davon abgehalten hat es zu lesen.

Jetzt hat mich die Tatsache, dass ich seit einigen Monaten mit einer Arbeitsgruppe Rituale gestalte,  dazu bewogen, The Elements of Ritual von Deborah Lipp nun doch zu bestellen. Zuvor hatte ich bereits Lipps Autobiografie Merry Meet Again gelesen und äußerst faszinierend gefunden. Deborah Lipp ist nicht nur eine versierte Gardnerianische Hohepriesterin, sondern auch die Ex-Frau von Isaac Bonewits, einer der bekanntesten Gestalten der amerikanischen Heidenszene, und kann damit aus einem ziemlich großen Nähkästchen plaudern. Mal davon abgesehen, dass ich es immer interessant finde, welchen Entwicklungsweg andere Priester genommen haben.

Aber zurück zu diesem Buch.

The Elements of Ritual ist ein gleichzeitig umfangreiches wie fokussiertes Werk. Es geht in ihm einzig und allein um den Ablauf des Wicca-Standard-Rituals. Aber das in einer dermaßen überwältigenden Detail- und Ideenvielfalt, dass man nach der Lektüre eigentlich keine offenen Fragen mehr hat. Nicht, dass man unbedingt zu den gleichen Schlussfolgerungen kommt wie die Autorin; aber man hat, bis man das Buch schließt, über wirklich jeden Aspekt des Rituals nachgedacht und ist wahrscheinlich zu einigen eigenen Antworten gekommen, die die persönliche Ritualpraxis bereichern.

Deborah Lipp

Deborah Lipp

Was ich im Laufe der Lektüre ebenfalls gelernt habe ist, dass Gardnerian nicht gleich Gardnerian ist. Lipp hat als US-Amerikanerin ganz offensichtlich ein etwas anderes Gardnerian Wicca kennengelernt als ich und mag es ausserdem etwas elaborater und pompöser. Insgesamt finde ich es aber wunderbar, dass es eine so große Bandbreite innerhalb der Tradition und unter den einzelnen Praktikern gibt.

Ich möchte dennoch einige Punkte herauspicken, in denen meine eigene Praxis ganz entschieden von Lipps abweicht.

Das größte Problem, dass ich mit Lipps Ablauf habe, ist ihre Art des Kreisziehens. Sie betont sehr deutlich, dass bei aller Varianz im Gesamtablauf für sie an dieser Stelle nur eine Reihenfolge Sinn macht – nämlich  zuerst den Kreis zu ziehen und ihn dann zu säubern und zu weihen.

Lipp schreibt:

„These steps are done in this order because they are a logical progression. We can’t sprinkle and cense until we have something to sprinkle and cense, and so first we must create the circle.“

Sorry, aber mir erscheint das in etwa so logisch wie Sperrmüll aus einem geschlossenen Fenster zu werfen. Lipp nimmt offenbar jede energetische Verunreinigung des Ortes mit in den Kreis, um sie dann innerhalb des Kreises zu reinigen und wohin zu befördern, wenn der Kreis bereits geschlossen ist? (An dieser Stelle komme ich nicht umhin, mir die Autorin vorzustellen, wie sie Dreck von innen gegen die energetische Wand des Kreises wirft und hustend in einer großen Staubwolke zusammenbricht.)

Sinnvoll und logisch ist es – zumindest für mich – den Kreis an einem zuvor gereinigten Platz zu ziehen. Das Ziehen des Kreises ist für mich der letzte Schritt der grundlegenden Errichtung des Tempels nach dem Säubern und Vorbereiten des Orts. Eine weitere Reinigung und Weihung innerhalb des Kreises ist nicht nötig.

Ein anderer Punkt, den ich nicht nachvollziehen kann, ist Lipps Platzierung des Kuchen-und-Wein-Rituals vor dem magischen Teil des Rituals. Ihre Begründung dafür ist, dass wir erst die Segnungen der Götter empfangen müssen, um sie dann in der magischen Praxis zu nutzen.

Nun, zunächst einmal denke ich, wenn wir zu diesem Zeitpunkt etwas von den Göttern benötigen, dann ihre Kraft und Anwesenheit, und beides sollte an diesem Punkt gegeben sein. Zudem existiert die Kraft und Befähigung zur Magie meiner Meinung nach ohnehin in uns, denn wir sind Teil und Ausdruck des Göttlichen. Keine weiteren Segnungen nötig, vielen Dank.

Entscheidend ist aber für mich, dass der Kuchen-und-Wein-Ritus (wie das christliche Abendmahl) einen unübersehbaren Bezug zum Abschluss des Rituals hat. Essen und Trinken erden und die (hier sinnvolle!) Segnung ist etwas, was wir aus dem Kreis mit hinaus in unseren Alltag nehmen. Eine Platzierung viel früher im Ritual würde einen Abschluss lang vor dem wirklichen Ende des Rituals suggerieren, was ich sehr kontraproduktiv fände.

Aber Lipp scheint ohnehin eine etwas andere Auffassung vom Alkoholgenuss im Ritual zu haben. Sie empfiehlt zum Beispiel einen Schluck Wein vor einer Meditation. Ich weiß nicht wie viele Erfahrungen sie mit Meditation und Alkohol hat – anscheinend nicht so viele oder die falschen –  aber an dieser Stelle lege ich definitiv mein Veto ein. Es ist zwar wahr, dass Alkohol öffnet und entspannt, aber wer schon einmal unter Alkoholeinfluss versucht hat zu meditieren, dürfte schnell erkannt haben, dass ein kleiner Schluck Wein bereits die für die Praxis der Magie nötige Klarheit und den nötigen Fokus komplett unterbinden kann.

Aber bevor der Eindruck entsteht, dass ich Lipps Ansatz komplett zerreisse – was ich nicht tue – möchte ich mit einem  Zitat enden, dass den Wert des Buches perfekt zusammenfasst:

„In Wicca we’re in the unique position of having options. We can tailor the ritual to be more consistent with what we actually believe. We can adapt the ritual to the stories we tell. We can reexamine our beliefs in light of our practices or our stories. We can bring all these religious activities together in harmony.“

Das ist genau das, worin The Elements of Ritual brilliert.

 

The Elements of Ritual von Deborah Lipp ist 2003 bei Llewellyn Worldwide erschienen und kostet derzeit 20,62 € bei Amazon.