von Chris Frey

„…rethinking ideas that have been ingrained in us is one of the hallmarks of a true witch.“

Casey Giovinco

Wann immer in der Vergangenheit ein Buch zum Thema „schwule Hexerei“ erschienen ist, war meine anfängliche Begeisterung groß, aber letztendlich blieb das Resultat stets weit hinter den Erwartungen zurück. Jetzt ist ein weiteres Werk erschienen, dass sich speziell an schwule Praktiker der Kunst wendet: Garbed in Green von Casey Giovinco, dessen neuerschaffene Tradition Gala Witchcraft stark von Wicca beeinflusst zu sein scheint. Anders als zum Beispiel Gay Witchcraft von Christopher Penczak, das eher auf die Praxis ausgerichtet ist aber letztendlich an der seichten Oberfläche bleibt, ist dieses Werk eine tiefsinnige philosophisch-magische Untersuchung der männlichen und schwulen Mysterien.

Um es vorweg zu sagen: Garbed in Green beginnt stark, war aber letztendlich eine gemischte Erfahrung für mich. Und das liegt vor Allem daran, dass das Buch sich nicht entscheiden kann, ob er eine philosophische Abhandlung oder ein Praxisbuch sein will.

Der philosophisch-theoretische Teil ist eine wahre Offenbarung. Giovinco stellt eine bahnbrechende Kernthese zum Thema schwuler Polarität auf, die alles bestätigt, was ich schon immer als wahr empfunden habe, aber wofür ich nie selbst die passenden Worte und Metaphern fand. Er begeht nicht den beliebten Fehler, Schwule als eine Art Aliens zu betrachten, die mit dem Rest der Menschheit nichts zu tun haben, sondern bettet ihre Existenz stimmig in den Gesamtzusammenhang der menschlichen Existenz ein, zu der nun mal auch Frauen und Heterosexuelle gehören.

Auch wenn wir Schwulen gern in unserem eigenen Kosmos leben, führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass wir ohne den heterosexuellen Geschlechtsakt nicht auf dieser Welt wären und das Männliche nicht ohne das Weibliche betrachtet und erklärt werden kann; und diesem Umstand wird Giovinco gerecht, indem er die schwulen Mysterien aus den allgemein männlichen ableitet, die wiederum nur im Zusammenhang mit den weiblichen Mysterien einen Sinn ergeben.* Eine besondere Rolle in der Herleitung seiner Theorie fällt dabei dem Mythos von Diana und Luzifer zu, wie er in Charles G. Lelands Klassiker Aradia beschrieben wird.

Eine weitere Falle, die Giovinco vermeidet, ist die, das Männliche und Weibliche als gegenteilige Pole ein und derselben Energie zu sehen. Stattdessen greift er auf Franz Bardons Begriffe elektrisch und magnetisch zurück, und beschreibt sie folgerichtig als zwei unterschiedliche Kräfte, die sich aber ergänzen.

Casey Giovinco

Die Tiefe, mit der der Autor diese ursprünglichsten aller Lebensmysterien untersucht, ist erstaunlich und in seiner kompromisslosen Konsequenz nicht oft in der neopaganistischen Literatur zu finden – wenn überhaupt. Mir jedenfalls fällt kein anderes Beispiel ein. Und in dieser Hinsicht sucht Garbed in Green seinesgleichen in der gesamten modernen Hexenliteratur, nicht nur was schwule oder männliche Mysterien angeht. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass das Thema Magie öfter mit der gleichen philosophischen und intellektuellen Präzision angegangen würde.

Leider begeht Giovinco dann den Fehler, seinen Lesern auch noch praktische Anleitung für einen schwulen Mysterienweg mitgeben zu wollen. Und hier gleitet das Buch ins Beliebige und Oberflächliche ab. Vielleicht sind die Rituale Geschmackssache und treffen nur einfach nicht meine Ästhetik. Aber es erinnert mich leider an schlimmste 70er und 80er Jahre Hexenliteratur, wenn mir plötzlich in haarkleinen Details Rituale vorgeschrieben werden, die mir schon auf den ersten Blick viel zu pompös und komplex daher kommen, um sie jemals ausprobieren zu wollen. Zudem soll ich mir aus irgendwelchen Gründen einen Bullroarer basteln (der zuvor im Buch nicht einmal erwähnt wurde. WTF?) Dagegen macht das in einem Ritual beschriebene Wichsen auf Voodoo-Puppen beinahe Sinn, auch wenn es mir angesichts des hohe Niveaus des ersten Buchteils irgendwie fehl am Platze erscheint. Ich bin weiß Gott nicht prüde und arbeite in der Magie selbst mal gern mit Körperflüssigkeiten, aber irgendwie kann so eine Anleitung nach den hochphilosophischen Inhalten der vorhergehenden Kapitel nur lächerlich wirken.

Was letztendlich bleibt ist ein Buch, das in seinem theoretischen Teil mit einer Enthüllung aufwartet, die jeden ernsthaften Praktiker der Mysterien interessieren müsste (und für den allein ich 5 von 5 Punkten gegeben hätte), das aber durch seinen schwachen und überflüssigen praktischen Teil einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Trotzdem macht Giovincos Theorie Garbed in Green zu einer Pflichtlektüre für jeden homosexuellen Praktiker (und eigentlich auch für jeden anderen, egal welchen Geschlechts oder welcher sexuellen Ausrichtung), der wirklich effektiv mit den Mysterien wie auch seiner eigenen Kraft arbeiten will. Es wäre spannend zu sehen, ob Giovinco in der Zukunft irgendwann eine Ritualform findet, die seiner außerordentlichen Theorie über die Dynamik der Kräfte bei homosexuellen Menschen gerecht wird.

4 von 5 Punkten

 

*Für alle Kritiker dieser Theorie: Hier geht es nicht darum etwas „Eigenes“ zu haben. Es geht auch nicht darum politisch korrekt zu sein. Als Hexen (selbst als schwule Hexen) müssen wir die Natur als Ganzes betrachten und zwar unvoreingenommen und ohne die Teile auszublenden, die uns nicht gefallen.

Casey Giovincos Webseite: caseygiovinco.com

Garbed in Green: Gay Witchcraft & The Male Mysteries
Casey Giovinco
2018, 158 Seiten
ISBN 978-0999871911

Verfügbar als Kindle und Paperback.