von Sable Aradia

Der folgende Artikel ist um einen Paragraphen gekürzt worden, in dem die Autorin von Details der Initiation des Ersten Grades berichtet, die unserer Auffassung nach dem Suchenden zu viel im Vorhinein verraten und die Überraschung verderben. Wer möchte, findet diese Details natürlich auch im Internet oder in Vivianne Crowleys Buch Wicca – Die Alte Religion im Neuen Zeitalter.

Eine Initiationszeremonie hat in jeder Tradition und Religion oder auf jedem Pfad, die Aufgabe, ein Mysterium zu illustrieren und einen Ritus des Übergangs zu gewähren, indem es das Subjekt des Rituals zum Protagonisten seiner eigenen mythischen Geschichte macht. Eine korrekt durchgeführte Initiationszeremonie trägt den Empfänger in das lebendige Reich der Heldenreise, über die Joseph Campbell geschrieben hat. Der Held wird gerufen, angetrieben oder gezwungen, sein vertrautes Zuhause zu verlassen und ein Abenteuer Besitz zu beginnen; er wird von einem Wächter an der Schwelle geprüft, der sein Recht einzutreten herausfordert; wenn er den Test besteht, steigt er in die Unterwelt hinab, bekämpft das Ungeheuer oder meistert die Herausforderung, lernt die Lektion, und bringt seine neu gefundene Weisheit zurück in die alltägliche Welt, um sie anderen zu lehren oder die Lehren zu teilen, die er erworben hat.

Viele Hexen aus initiatorischen Traditionen glauben, dass es der Aspekt der “apostolischen Abfolge” der Initiationen ist – “nur eine Hexe kann eine Hexe machen” – der wichtig ist. Ich sehe das anders. Während ich die Verbindung zu den Hexen, die mir vorausgegangen sind, mag, ist für mich das wichtige Element die Vermittlung des Mysteriums. Die Initiation zu empfangen, der Held im Mythos zu werden, das Mysterium zu erfahren, und es später an andere weiterzugeben, informiert unseren Glauben und unsere Thealogie, und trägt eine große mystische Wahrheit auf eine direkte und reale Weise weiter, die andere Formen des Lehrens in keinster Weise imitieren können.

Aber ich glaube nicht, dass eine formelle Initiation die einzige Weise ist, diese wesentlichen Mysterien der Kunst zu erfahren. Ich denke dass, wenn man den Wicca-Weg beschreitet, selbst als Solohexe, das Leben allemal versuchen wird, einem diese Mysterien zu lehren, weil man die Götter der Wicca anruft und seine Gedanken und den Geist verändert, um eine bessere Hexe zu werden. Ich denke, jemanden zu haben, der einen dadurch führen kann, macht den Prozess viel leichter, als zu versuchen alles allein herauszufinden; aber wenn du übst und studierst und daran arbeitest, die Kunst besser zu verstehen, wirst du die Lehren allemal empfangen; ob du sie bewusst anstrebst oder nicht. Ich sehe das bei vielen Hexen dort draußen, von denen viele keine Ahnung haben, was passiert. Dieser Artikel handelt von meinen Gedanken diesbezüglich dieser Thematik und ist meine Art, die Mysterien zu begreifen, basierend auf meinen eigenen Erfahrungen. Es ist nicht die einzige Weise, sie zu verstehen, aber vielleicht kann sie jemand anderem helfen, das zu begreifen, was nicht ausreichend beschrieben oder erklärt werden kann – nicht einmal von denen, die sie erfahren haben.

Die drei Grade der Wicca, wie ich sie verstehe, handeln von den Mysterien des menschlichen Daseins, und können mit Stadien und Erfahrungen in unserem eigenen, täglichen Leben gleichgesetzt werden. Diese Stadien sind nicht leicht zu erfassen und sind in ihrem Umfang und Verständnis so weitreichend, dass wir unser ganzes Leben benötigen um ihre vollen Auswirkungen zu begreifen. Daher fürchten wir sie instinktiv. Initiationen eröffnen uns größere, mystische Wahrheiten über diese weitreichenden Erfahrungen und lehren uns, sie nicht zu fürchten – was uns, denke ich, hilft, unsere Lebensqualität als Ganzes zu verbessern.

Der Erste Grad: Geburt

Beim Ersten Grad von Wicca geht es um Geburt. Wenn wir geboren werden, kommen wir blind und hilflos zur Welt. Wir werden von jemand anderem in eine ungewohnte und beängstigende Situation gezwungen. Wir werden von Autoritäten begrüßt, die uns sagen, wie die Regeln lauten und was von uns erwartet wird. Man lehrt uns, mithilfe von Werkzeugen und Ritualen mit unserer Welt zu interagieren und sagt uns genau, wie wir sie zu gebrauchen haben. Unter der Annahme, dass die Umstände unserer Geburt oder frühen Kindheit in etwa wie bei der „normalen“ Familieneinheit aussehen, werden wir „in vollkommener Liebe und vollkommenem Vertrauen“ begrüßt. Man bringt uns Wertschätzung entgegen und gibt uns und einen Platz in der Welt. Der erste Grad der Initiation imitiert diese Erfahrung.

Die Initiationszeremonie des Ersten Grades der Wicca ist eine Wiedergeburt in das Leben als Hexe und eine Aufnahme in eine neue „Familie“ – den Coven. Für diejenigen, deren Leben keine ähnliche Erfahrung in ihren Herkunftsfamilien widerspiegelt, kann die Geburt in die Kunst als therapeutisches „Umschreiben“ dieses verpfuschten Prozesses dienen. Es kann sehr heilsam und ermächtigend sein. Das macht einen Sinn. Statistisch gesehen haben die meisten Hexen und Heiden, die zu diesem Weg kommen, eine Problematik wie Missbrauch, Depression oder andere psychische Leiden in ihrem Leben erfahren, und ich glaube, dass die Rückeroberung dieser persönlichen Macht einer der wichtigsten Faktoren ist, die uns zu Wicca ziehen.

In den frühen Tagen der Kunst (ich spreche nicht von der Vorgeschichte, ich spreche von Gardners und Alex Sanders Covens), wurden niemandem die Grundlagen der Hexerei vermittelt, bevor er oder sie initiiert wurde. Inzwischen gibt es Tausende von Büchern, und wenn eine Hexe sich irgendwann dazu entschließt, einem Coven beizutreten, hat sie wahrscheinlich schon viele Jahre lang das Handwerk praktiziert. Die Wiedergeburt, die durch die Zeremonie repräsentiert wird, symbolisiert eine tiefere Verpflichtung gegenüber der Praxis und dem Glauben der Wicca – und ich denke, das ist auch der Grund, warum viele Menschen sich dafür entscheiden, sie nicht zu erleben.

Nonkonformität ist ein weiterer Grund, warum viele Menschen nie eine Initiation erhalten, aber warum werden Menschen Nonkonformisten? Im Allgemeinen glaube ich, dass sie aus irgendeinem Grund nicht mit ihrer Herkunftsfamilie verbunden sind und das Gefühl haben, nicht zu ihnen zu passen. Ich denke, dass alle Hexen in ihren Herzen Nonkonformisten sind (sonst wären wir in der westlichen Welt Atheisten oder Christen) und viele von uns tragen diese anhaltende Angst vor Ablehnung durch eine andere Gruppierung in uns, da wir bereits von unserer Herkunftsgruppe abgelehnt wurden.

Auch wenn wir uns entscheiden, nicht einem Coven oder einer anderen Gruppe beitreten zu wollen, erreichen wir schließlich einen Punkt in unserer Praxis, wo die symbolische Wiedergeburt für unseren Fortschritt notwendig wird. Dies manifestiert sich direkt in unserem Leben auf viele mögliche Arten.

Manchmal verliert alles, was wir zu wissen glaubten, seine Relevanz für uns, und wir sind gezwungen, unsere grundlegende Denkweise in ihrem Kern zu verändern. Manchmal befinden wir uns plötzlich an einem Punkt, an dem wir alles, was wir wissen, hinter uns lassen müssen, wie zum Beispiel bei einem Umzug in eine neue Stadt, beim Beginn einer neue Arbeit, oder dem Verlassen einer langfristigen Beziehung und der häuslichen Umgebung, die man geteilt hat. Manchmal erkennen wir, dass der Zeitpunkt gekommen ist, diesen Schritt zu machen, und es Zeit für eine Selbstinitiation oder –dedikation ist. Dies geschieht wahrscheinlich für diejenigen, die die Initiation wählen, ebenfalls, aber normalerweise (vermutlich) haben sie einen Mentor, der sie durch den Prozess führt. Für ein „schwarzes Schaf“ könnte diese Selbstdedikation jedoch ermächtigender sein, als sich einem Coven anzuschließen, weil es seine Vergangenheit neu schreibt, um die Kontrolle über sein eigenes Schicksal zurückzugewinnen, anstatt es in die Hände einer Familieneinheit zu geben, die ihr nicht erfolgreich das Gefühl vermittelt hat, willkommen und/oder Teil dieser Einheit zu sein.

Ich glaube, dass dieser Schritt genauso gültig ist wie eine Coven-Initiation, wenn die Eide mit Ernsthaftigkeit abgelegt werden. Aber wie bei jedem Übergangsritual sind die Eide die wir vor Zeugen schwören, oft bindender, als die, die wir privat ablegen. Sozialer Druck hilft bei ihrer Einhaltung. Aus diesem Grund benötigen Ehen Zeugen, um gültig zu sein.

Welche Lektionen lernen wir hier? Ich glaube vor allem wird uns beigebracht, dass wir unser eigenes Schicksal umschreiben und unseren eigenen Weg wählen können, egal wo wir herkommen, und dass uns das nicht zerstören wird, weil wir größer sind als die Rollen, von denen wir glauben, dass die Welt sie uns zugewiesen hat.

Hier geht’s zum zweiten Teil.

 

Sable Aradia (Diane Morrison) ist eine ehemalige Wicca-Priesterin und drittgrad-initiiert in die Traditionen Star Sapphire und Pagans for Peace. Ebenfalls ist sie seit ungefähr dreißig Jahren eine traditionelle Hexe und Hedgewitch. Zudem ist sie Musikerin und Autorin in den Bereichen Phantastik und Heidentum. Sable verkauft magisches Kunsthandwerk in ihrem Webshop, liest aus Tarotkarten und Teesatz und unterrichtet Magie und Hexerei online wie auch persönlich. Sie ist 43 Jahre alt und lebt in Vernon, British Columbia, Kanada mit ihren beiden Lebenspartnern und ihren Fellkindern.

Sables Webseite ist sablearadia.com. Hier geht’s zu ihrem Blog Between the Shadows.